Vom Mitarbeiter mit IV zur Fachperson

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Wie schaffte Giulio Fauser diesen Schritt? Er verrät es im Interview.


Giulio Fausers arbeitete als Mitarbeiter mit IV in der Züriwerk-Mechanik, als er neue Stärken an sich entdeckte. Dieser Moment wurde zum Wendepunkt. Schritt für Schritt entwickelte er sich weiter. 

Ein Gespräch über das Entdecken von persönlichen Stärken, Perspektivenwechsel und berufliche Entwicklung.  


Das Interview führte Caroline Waldburger.

Giulio, wenn du heute auf dich selbst schaust – wie hast du dich in deiner Zeit bei Züriwerk verändert? 

Ich würde sagen, ich habe einen krassen Wechsel vollzogen: Von Anschiss zu Engagement. (Lacht.) 

Als ich bei Züriwerk begann, war Arbeit Pflichterfüllung, die mich Überwindung kostetet. Das ist heute ganz anders. Arbeit ist für mich nicht mehr nur ein Job, sondern ein wichtiger Teil meines Lebens. Mein Arbeitsort ist für mich fast ein zweites Zuhause. Die Mitarbeitenden sind mir sehr ans Herz gewachsen. Im Team bin ich ein Garant, ein stabiler Pol, und ich fühle mich verantwortlich.   

Heute denke ich sogar in meiner Freizeit an die Arbeit – nicht aus Zwang, sondern aus Verbundenheit. Ich denke an meine Mitarbeitenden: Wie geht es ihnen, läuft alles gut?  
 

Ok, jetzt hast du uns neugierig gemacht, wie das gekommen ist. Also von Anfang an. Was ist dein beruflicher Hintergrund, welche wichtigen Stationen hast du vor Züriwerk in deinem Arbeitsleben schon durchlaufen? 

Meine Erstausbildung absolvierte ich im Bereich Mechanik, als Anlege-Apparatebauer und Produktionsmechaniker EFZ.  Ich arbeitete aber auch schon in anderen Bereichen, zum Beispiel als PC-Techniker bei der UBS oder in der Hotellerie. Nach einer gesundheitsbedingten Arbeitspause stieg ich 2016 als Mitarbeiter mit IV in der Züriwerk-Mechanik ein. Mein Ziel war damals, möglichst schnell wieder eine Mech-Stelle im allgemeinen Arbeitsmarkt anzunehmen. Es sollte aber anders kommen.  
 

Wieso, was ist dann passiert? 

Zu dieser Zeit kannte ich Phasen der Antriebslosigkeit – ein Gefühl von “kein Bock auf nichts”. In unserem Team lernte ich aber Menschen kennen, die mit schwierigen Herausforderungen und gesundheitlichen Problemen kämpfen. Ich sah, wie sie trotzdem jeden Tag aufstehen, um acht Uhr zur Arbeit kommen und ihr Bestes geben. Das hat in mir etwas ausgelöst.  

Ich habe gemerkt: Hey, eigentlich geht es dir besser, als du denkst. Ich bin körperlich fit. Ich habe viele Kompetenzen. Plötzlich sah ich, dass ich nicht nur der bin, der Unterstützung braucht. Ich kann selbst etwas geben. Es war ein Perspektivenwechsel. 
 

Was hat dieser Perspektivenwechsel ausgelöst? 

Ich zeigte Einsatz im Job. Schon bald konnte ich mich fachlich weiterentwickeln. Ich übernahm Aufgaben zur Unterstützung der Fachpersonen, zum Beispiel administrative Arbeiten wie Planungsaufgaben und die Auftragsabwicklung. Dabei habe ich viel Neues gelernt.  

Aber ich engagierte mich auch stark im Team, hatte zu allen einen guten Draht. Viele Mitarbeitende kamen mit persönlichen Fragen zu mir. Ich war keine offizielle Bezugsperson, aber ich hatte ihr Vertrauen. Ich entdeckte, dass ich im Umgang mit Menschen grosse Stärken habe: Empathie, das Erkennen und Fördern von Ressourcen, die Fähigkeit, Vertrauen aufzubauen. Ich merkte, dass ich belastbar bin und Verantwortung tragen kann.  
 

Wie hat sich das auf deine berufliche Entwicklung ausgewirkt? 

Der damalige Abteilungsleiter ermutigte mich dazu, den Einstiegskurs an der Agogis zu absolvieren und die Grundlagen agogischen Begleitens kennenzulernen. Diese konnte ich sofort in meine Arbeit bei Züriwerk einbringen. Ich wurde vom Helfer zum Unterstützer. Dass ich nun die professionelle Herangehensweise kannte, motivierte mich sehr.  

Benjamin Fischler erkannte mein Potenzial und setzte sich dafür ein, dass ich einen Schritt weiter gehen und die Ausbildung zum Arbeitsagogen angehen konnte, die ich im Januar 2027 abschliessen werde. Züriwerk beteiligt sich an der Finanzierung und ich bin mittlerweile als Fachperson in Ausbildung angestellt.  

Ich habe vom Züriwerk-Team viel Unterstützung erfahren: Tobias, Benjamin, Stefan, David und Martin waren und sind Förderer und Mentoren, die mich ermutigt haben, mir Rückhalt geben und ihr Wissen mit mir teilen. Sie haben den Weg möglich gemacht. Dafür bin ich enorm dankbar.  
 

Welche Herausforderungen hat der Rollenwechsel mit sich gebracht? 

Während ich als Mitarbeiter mit IV im Team auch privat mit meinen Kollegen zu tun hatte, muss ich heute Grenzen setzten, in der Freizeit und bei der Arbeit. In der Rolle des agogischen Begleiters muss ich eine grössere Distanz einnehmen, zum Schutz der begleiteten Personen wie auch zum eigenen. Zum Glück haben das meine Mitarbeitenden sehr gut akzeptiert, sie unterstützen meine neue Funktion. Das hat es für mich einfacher gemacht.  
 

Was rätst du Menschen, die feststecken, sich aber weiterentwickeln möchten? 

Glaub an dich. Da geht noch mehr! Und auch wenn es manchmal nicht einfach ist: Man muss sich zeigen. Man muss den Mund aufmachen und ehrlich kommunizieren. Nicht sagen: Ich kann alles. Sondern: Ich will das machen, aber ich brauche Unterstützung. Nur so kann man Menschen finden, die an einem glauben, und Chancen eröffnen. 
 

Zum Schluss: Du stehst nicht gern im Mittelpunkt. Warum stehst du trotzdem für dieses Interview zur Verfügung? 

Ich hoffe, dass es andere motiviert. Wenn ein paar Menschen mit IV das lesen und denken: “Bei mir geht auch noch mehr, das pack ich an!”, dann hat es sich gelohnt.  

Und es ist auch ein Dankeschön an Züriwerk. Für das Vertrauen, die Unterstützung und die Chance.  

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